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Faszinierende Faszien - ein Sinnesorgan für sich!

Immer mehr rücken die Faszien - auch Bindegewebe genannt - ins wissenschaftliche Rampenlicht. Viel zu lange standen sie im Abseits und wurde ihnen in der Medizin, im Training oder in der Physiotherapie gar nicht oder zu wenig Beachtung geschenkt. Obschon man über ihre Existenz und ihre Funktionen wusste, konzentrierte man sich bei der Rehabilitation von Verletzungen oder bei chronischen Schmerzen bloß auf die Muskeln, Nerven, Knochen, Koordination und Kraft. Die Faszien wurden nicht als eigenständiger Akteur gesehen. Das hat sich Gottseidank in den letzten Jahren intensiv geändert. 

 

Einiges, was sich an Wissen rund um das Bindegewebe angesammelt hat, wirft alte Konzepte über den Haufen. So kommt ein Muskelkater etwa weniger aus dem Muskelgewebe sondern entsteht hauptsächlich in den Faszien, die den Muskel umhüllen. Rückenschmerzen haben ihre Ursache in vielen Fällen nicht in Wirbel- oder Bandscheibenschäden sondern in den Faszien. Auch Sportverletzungen sind zum allergrößten Teil keine Muskelprobleme sondern Faszienverletzungen. Und Faszien gelten inzwischen als eines unserer wichtigsten Sinnesorgane; das Bindegewebe schickt sogar Signale bis ins Gehirn, in den Sitz des Bewusstseins. Alle Körperbewegungen werden von Sensoren in den Faszien mitbestimmt: Fallen sie aus, kann der Mensch seine Bewegungen nicht mehr steuern. Die Liste der neuen Erkenntnisse aus der Wissenschaft ist mittlerweile sehr lang. Sie überzeugen mich absolut und sind durchaus logisch. 


Die weißen Haut-Schichten einer Grapefruit sind vergleichbar mit unseren Faszien. Würde man alles Fruchtfleisch entfernen und nur das Weiße stehen lassen, könnte man nur anhand dieser Struktur die gesamte Frucht und ihre Form rekonstruieren.

Dieses Bild veranschaulicht unter dem Mikroskop, wie Spinnennetzartig die Faszien unsere Muskelfasern einpacken.



Nun hat man inzwischen die vielen Entdeckungen rund um die Faszien in Trainingsprogramme umgesetzt, um das Gewebe gezielt zu stimulieren, zu kräftigen und zu pflegen. Natürlich gibt es schon hunderte andere Fitnessprogram-me, die alle dasselbe versprechen: mehr Kraft, bessere Leistung und Ausdauer, mehr Beweglichkeit, Gesundheit und Wohlbefinden. Doch mit dem Faszientraining kommt eine bislang fehlende Komponente ins Spiel. Ein gezieltes Faszientraining kann die Leistung optimieren, neuen Leistungszuwachs erzielen, im Alltag von Schmerzen und Steifigkeit befreien und es lässt sich vor allem mühelos in ein anderes Trainingsprogramm integrieren. Das heisst; Faszientraining ersetzt nicht alle bisherigen Trainingsprogramme, es ergänzt sie. Es bereichert sie um das Element, welches bisher fehlte. Denn der Zustand der Faszien beeinflusst Ausmass und Heilung von Verletzungen ebenso wie die Regeneration nach Training und Wettkampf. Faszientraining macht also dein persönliches Training erst komplett! Aus diesem Grund und auch weil mich die Wissenschaft in dieser Hinsicht absolut überzeugt, trainiere ich in meinen Group-Fitness-Lektionen immer auch die Faszien. Nebst der Faszination spüre ich, dass sich was tut im Bindegewebe. Leider dauert der Erfolg des Faszientrainings etwas an, weil sich das Bindegewebe nur sehr langsam erneuert. Umso wichtiger ist es, stetig dran zu bleiben und es regelmäßig zu pflegen. Ähnlich wie bei einer Pflanze, die man regelmäßig wässern sollte, damit sie nicht verwelkt.

 

Vorteile des Faszientrainings:

  • Die Muskeln arbeiten effizienter
  • Die Regenerationszeit verkürzt sich, sodass man schneller fit wird für das nächste Training
  • Die Leistungsfähigkeit steigt
  • Bewegungsabläufe und Koordination verbessern sich
  • Die Belastbarkeit von Sehnen und Bändern erhöht sich
  • Schutz vor Verletzungen und Schmerzen werden erhöht
  • Schmerzen und Verspannungen werden gelöst
  • Körperhaltung und -form werden straffer und jugendlicher

 Faszien haben nebst ihrer strukturellen Funktion noch andere wichtige Funktionen und Eigenschaften:

  • Fasziales Bindegewebe ist ein zentrales Sinnesorgan für die Körperwahrnehmung (Propriozeption)
  • Das Fasziennetz ist mit unzähligen Nervenendigungen, Bewegungs- und Schmerzrezeptoren durchsetzt
  • Es hat entscheidenden Einfluss auf unser physisches und psychisches Wohlbefinden sowie unsere Leistungsfähigkeit
  • Beweglichkeit und Kraft hängen unmittelbar von der Elastizität und Gleitfähigkeit des Bindegewebes ab
  • Faszien sind für die Kraftübertragung von Muskel zu Muskel zuständig
  • Sie können sich selbstständig zusammenziehen, Energie speichern und zum Beispiel in Form von Sprungkraft wieder freigeben

Das Bindegewebe in Zahlen und Fakten:

  • Jeder Mensch trägt 18 bis 23 Kilogramm Bindegewebe in sich herum
  • Es speichert ein Viertel des gesamten Körperwassers
  • Es versorgt Zellen und Organe mit Nahrung
  • Es reagiert auf Belastung und Anforderungen und passt sich an
  • Es erneuert sich ständig, allerdings sehr langsam (zirka 1 Jahr)
  • Im Alter nimmt der Anteil des Wassers in den Faszien ab, und die Fasern verfilzen zunehmend

Faszien trainieren

Heute wissen wir also, dass die Bedeutung der Faszien für das Funktionieren der Muskeln sowie die optimale Koordination enorm ist, aber dass sie eine spezielle Stimulation brauchen. Faszien-Übungen sollen das Bindegewebe beleben und regenerieren, es vital und geschmeidig halten. So wirst du deine Muskeln noch besser trainieren können, deine Bewegungen flüssig und elegant werden lassen und deine Widerstandskraft steigt. Faszientraining ist erstaunlich wenig aufwendig: zehn Minuten zweimal in der Woche reichen völlig aus. Besondere Kleidung oder Geräte sind nicht erforderlich. Die Übungen sind unkompliziert, alltagstauglich und geeignet für alle Alters- und Trainingsstufen. 

 

Es gibt die vier verschiedene Grunddimensionen des Faszientrainings, welche ich dir hier gerne mit Beispielen aufzeigen möchte:

Das Dehnen

Beim Dehnen formen wir unser Gewebe, unsere Muskeln und es tut auch unseren Gelenken gut. Physiologisch wirkt dabei vor allem langsames, schmelzendes Dehnen, das lange ausgehalten wird. Es verändert zum Beispiel messbar den Blutdruck und Puls: Beide sinken. Denn wenn Fasziengewebe gedehnt wird, gehen Signale an das vegetative Nervensystem, dass den sogenannten Parasympathikus aktiviert worauf eine Entspannungsreaktion folgt. Es verbessert also die mechanischen Eigenschaften der Faszien.

Das Federn

Federnde Übungen wie Hüpfen oder Schwingen des Oberkörpers regen die elastische Speicherfähigkeit in den Faszien an, die allgemein wichtig für unsere Bewegungen ist. Federnde Ganzkörperübungen können in alle Richtungen ausgeführt werden, sodass du die langen Zugbahnen der Faszien miteinbeziehst.

Das Beleben

Beim Beleben der Faszien wird mittels Massage Druck auf das Bindegewebe ausgeübt. Das führt zunächst rein mechanisch zu einem Flüssigkeitsaustausch in den Faszien. Sie werden buchstäblich wie ein Schwamm ausgedrückt und transportieren dabei auch Stoffwechselprodukte und Lymphe ab. Danach füllen sie sich wieder neu mit Flüssigkeit. Der richtig dosierte Druck verringert den Faszien- und Muskeltonus. So kannst du Verspannungen und Verklebungen lösen. Bekannt dafür ist vor allem das Black-Roll-Training. Damit du dabei aber auch die entsprechende Wirkung erzielst, ist es wichtig im Zeitlupentempo mit der Rolle die gewünschte
Körperstelle abzurollen.

Das Spüren

Das Spüren von Bewegungen ist extrem bedeutsam für alle Bewegungen und das Gehirn. Es spielt offensichtlich auch für viele neurologische, aber auch psychologische Krank-heitsbilder eine große Rolle. Im Faszientraining übst du das Spüren am Besten über Sinnlichkeitsimpulse und Wahr-nehmungsübungen: kleine Bewegungen, feine Änderungen der Lage oder der Richtung. Genieße die Bewegungen, nehme sie bewusst wahr und spiele mit deinem Körper. Wichtig; lass dich nicht ablenken, denn nur dann gibt es einen Lerneffekt, der sich im Gehirn verankert. Du kannst damit dein Bewusst-sein für Bewegung und Koordination schärfen und somit deine Beweglichkeit und Fitness verbessern.


Zum Schluss...

Du selbst hast großen Einfluss darauf, ob du krank oder gesund bist oder wirst, ob dein Körper immer eingeschränkter oder immer beweglicher wird, ob du unter Schmerzen leidest oder schmerzfrei bist. Tatsache ist, dass du mit der "Pflege" deiner Faszien Großes bewirken kannst. Meine Beispiel-Übungen sind nur ein winzig kleiner Teil von dem, was im Faszientraining möglich ist. Mehr Übungen gibt's im Internet oder in meinen Rücken-Faszien-Trainings, wo ich das Thema Faszien immer wieder einbau. Entdecke völlig neue, vielleicht bisher ungeahnte Möglichkeiten, dir selbst Gutes zu tun!

 

 

Was mich fasziniert, kann auch dich faszinieren! 

 

Herzlich, Priska